Zukunftsvisionen zur digitalen Hochschulbildung – Teil 1

August 7, 2018 0 Von JS

Von Verena Ketter, Josephina Schmidt und Athanasios Tsirikiotis, Stand: 06.08.2018

Bilder: Nadine Ober

 

Dieser Beitrag basiert auf dem Zeitschriftenbeitrag: „Wer Visionen hat… Erste Einblicke in den Auswertungsprozess des Forschungsprojekts DISTELL.“ Von Josephina Schmidt und Athanasios Tsirikiotis, der 2017 in der Hochschulzeitschrift spektrum erschien (Jg. 45/2017, S. 25-28).

 

Im Folgenden skizzieren wir die im Rahmen von DISTELL erfassten Zukunftsvisionen zur Digitalisierung der Hochschulbildung von Lehrenden und Studierenden an der Hochschule Esslingen. Statt, wie es wohl Helmut Schmidt empfohlen hätte, die Visionäre einer ärztlichen Behandlung zuzuführen, sollen die Visionen auf diese Weise ernst genommen und als Zukunftsentwürfe verschiedener Akteur*innen an der Hochschule kollektiv vergegenwärtigt werden. Die Werthaltungen der Hochschulakteur*innen in den formulierten Zukunftserwartungen zu verstehen ist für das Projekt DISTELL deswegen sinnvoll, weil damit der erste Zugang zu kollektiven handlungsleitenden Prinzipien an der Hochschule möglich ist. Will eine Hochschule eine Strategie zur Digitalisierung der Hochschulbildung entwickeln und umsetzen, ist es aus sozialwissenschaftlicher Perspektive sinnvoll, sich zunächst mit den vorhandenen Werthaltungen auseinanderzusetzen (vgl. Bohnsack 2013). Damit wird die Digitalisierung nicht selbst zum Zweck gesetzt, sondern als Mittel verstanden, um den im Erfahrungsraum Hochschule kollektiv bedeutsamen Zweck der handelnden Menschen zu erreichen. Welches dieser Zweck ist, was also die verschiedenen Akteur*innen unter Digitalisierung der Hochschulbildung verstehen, ist die Hauptfrage des Forschungsprojekts.

Die zugrundeliegenden Daten wurden anhand einer Online-Befragung im Februar 2017 erhoben. Zum jetzigen Zeitpunkt handelt es sich weiter um eine vorläufige Ergebnisdarstellung, welche laufend mit Interviews und Gruppendiskussionen nach qualitativen Methoden der Sozialforschung ausgearbeitet wird. An der Online-Befragung haben 108 Lehrende (62 Professor*innen (N=218) und 46 Lehrbeauftragte (N=494)) und 331 Studierende (verschiedenen Fakultäten und Semestern (N=5866)) teilgenommen. Eine der offenen Fragen zielte auf den zugeschriebenen Zweck der Digitalisierung der Hochschulbildung: „Wie stellen Sie sich die Zukunft der digitalen Hochschulbildung vor?“ Die systematisierten Antworten werden nachfolgend vorgestellt. Diente diese Systematik zu diesem Projektzeitpunkt der Vorbereitung einer Typenbildung, welche mit der dokumentarischen Methode vertieft werden sollte, wurde im weiteren Forschungsverlauf von der Typenbildung zunächst Abstand genommen und sich für eine differenzierte Analyse von gemeinsamen und verschiedenen Orientierungen entschieden.

In der Frage nach der künftigen Bedeutung digitaler Medien, unterscheiden sich die Zukunftsprognosen der Lehrenden nicht wesentlich: überwiegend rechnet man mit einer Zunahme des Einsatzes digitaler Medien im Lehralltag. Allerdings steht diese Einschätzung hinter jeweils höchst unterschiedlichen Vorzeichen. Vor dem Hintergrund der schwer zu überblickenden technischen, rechtlichen und (hochschul-)politischen Entwicklung der nächsten Jahre, fanden sich unterschiedliche Positionierungen wieder, die von einer grundsätzlich skeptischen Haltung gegenüber der Digitalisierung, über einen pragmatischen Optimismus in Bezug auf die didaktische und methodische Weiterentwicklung der Hochschullehre bis zu einem konkreten Optimismus auf positive Veränderungen durch den Einsatz digitaler Medien, z.B. dem Abbau von Barrieren oder der Schaffung eines Wettbewerbsvorteils gegenüber anderen Hochschulen, reichten.

Wie die Lehrenden, so erwarten auch die Studierenden eine deutliche Zunahme des Einsatzes digitaler Medien. Die Antworten zeichnen ein Bild eines fast schicksalhaften Eintretens dieser Erwartung, mit geringen Mitgestaltungsmöglichkeiten, bis hin zu einer allumfassenden Digitalisierung sämtlicher Prozesse der Hochschule. Entsprechend stehen jene Studierenden, die digitalen Medien gegenüber aufgeschlossen sind, der erwarteten Zukunft pragmatisch, zum Beispiel in Bezug auf die Förderung von Bildungsgerechtigkeit, eines vereinfachten Studierens, der besseren Vorbereitung auf den Beruf und der moderneren Bearbeitung von Aufgaben und konkret – beispielsweise in Bezug auf die notwendigen technischen, personellen und motivationalen Ressourcen – sowie auf individuelles Lernen und Zugänglichkeit der Inhalte gegenüber. Jedoch offenbaren die Antworten der Studierenden ebenfalls in verschiedener Hinsicht Skepsis gegenüber der Digitalisierung, die sich auf den Ersatz analoger Lehre, das soziale Miteinander und die fehlende Gegenstandsangemessenheit bezieht. Tendenziell scheinen die Studierenden vor allem unter dem Druck zu stehen, sich innerhalb ihrer kurzen Studiendauer möglichst selbst zu optimieren und die vorhandenen Gegebenheiten bestmöglich zu nutzen.

In der vorliegenden Zusammenfassung der Antworten können bei den Lehrenden und den Studierenden drei idealtypische Haltungen einander gegenübergestellt werden, die wir vorläufig wie folgt bezeichnen:

  1. „Skepsis“ (im Sinne von Zweifeln, Bedenken und Zurückhaltung)
  2. „pragmatischer Optimismus“ (im Sinne einer Bewältigungslogik unabänderlicher Prozesse)
  3. „konkreter Optimismus“ (im Sinne direkter Vorschläge zukünftiger Handlungen)

Exemplarisch führen wir an dieser Stelle zunächst Aussagen der skeptischen Positionen von Lehrenden und Studierenden an. Die Aussagen der anderen beiden Positionen werden bald in einem zweiten Blogbeitrag veröffentlicht.

 

Die skeptischen Haltungen der Lehrenden lassen sich in drei unterschiedliche Dimensionen (hochschulpolitisch, professionstheoretisch und bildungstheoretisch) aufschlüsseln. So wird seitens der Skeptiker*innen das Bestreben die Digitalisierung der Hochschulbildung voranzutreiben im Kontext einer ökonomistischen Verkürzung der Hochschulpolitik gestellt, z.B. als Instrument zur (Personal-)Kostenreduzierung oder als Strategie zur Etablierung von Standortvorteilen in der Konkurrenz um Studierende und öffentliche (bzw. Dritt-) Mittel (hochschulpolitische Dimension). Darüber hinaus wird die Sorge um eine Vereinseitigung auf methodische oder technische Aspekte der Diskussion geäußert, wodurch die Lehrinhalte, didaktische Konzepte und deren Übersetzung in den Veranstaltungen in den Hintergrund zu treten drohen (professionstheoretische Dimension). Schließlich beziehen sich Skeptiker*innen zentral auf die Bedeutung von face to face-Kommunikation als elementaren Bestandteil von Bildungsprozessen, welche als Wechselspiel von Methode und zwischenmenschlicher Interaktion beschrieben werden. Die eingesetzten Methoden hätten sich an ihrer Nützlichkeit zur Beförderung der Persönlichkeitsentwicklung zu orientieren, welche aber digitalen Lernelemente und Lehrformate (dLLs) grundsätzlich oder teilweise abgesprochen wird (bildungstheoretische Dimension).

 

Bei den Aussagen der Studierenden, die der Haltung „Skepsis“ zugeordnet wurden, haben wir zwischen den zwei Dimensionen „Hochschulpolitik“ und „Bildungsprozesse und Lernalltag“ unterschieden. Studierende beanstanden beispielsweise an der Hochschule einen großen Nachholbedarf der Digitalisierung in der Lehre und fordern allgemein und für konkrete Studiengänge eine Verstärkung dieses Vorhabens. Dabei wird von einzelnen Studierenden auch auf die notwendige Berücksichtigung ökologischer Aspekte, z.B. bezüglich der Stromerzeugung hingewiesen (hochschulpolitische Dimension). Weitere Aussagen weisen darauf hin, dass Studierende mit der erwarteten Zunahme an Digitalisierung die Gefahr verbunden sehen, dass notwendige analoge Prozesse in den Hintergrund geraten und von einer „vollkommenen Digitalisierung“ (Zitat aus Befragung) verdrängt werden. Dies sei nicht pauschal für alle Studiengänge oder alle Lern- und Bildungsprozesse sinnvoll. Teilweise wird die Abschaffung der Präsenzveranstaltungen befürchtet. Studierende plädieren daher stark für eine Unterstützung bzw. Ergänzung der Lehre durch Technik und nicht ihren Ersatz. Zudem wird die Gefahr gesehen, dass die Digitalisierung des Studiums eine Trennung zwischen Arbeits- und Privatleben weiter erschwert. Einige Studierende prognostizieren negative Veränderungen auch bezogen auf den Lehr- und Lernalltag an der Hochschule, woraus ein weniger soziales bzw. menschliches Studieren folgen könnte.