Zukunftsvisionen zur digitalen Hochschulbildung – Teil 3

Februar 4, 2019 0 Von JS

Verena Ketter, Josephina Schmidt und Athanasios Tsirikiotis

Bilder: Nadine Ober

 

Im im Folgenden stellen wir Ihnen einen weiteren Typ von Lehrenden und Studierenden vor, der aus der Frage nach den Zukunftsvisionen in der Online-Befragung des Projekts DISTELL vorläufig entwickelt wurden und der die bisher dargelegten Typen „Skepsis“ (siehe Beitrag vom 07.08.18) und „Pragmatischer Optimismus“ (siehe Beitrag 26.09.18) komplementiert.

Heute möchten wir Ihnen die Aussagen vorstellen, die einem „konkreten Optimismus“ zugeordnet wurden.

Die dritte Positionierung findet sich bei jenen Lehrenden, deren Optimismus konkrete Zukunfts-Visionen zu formulieren erlaubt. Auch hier lassen sich drei Dimensionen unterscheiden, die durch den Einsatz bestimmter Argumentations-Figuren gekennzeichnet sind. Eine der drei Dimensionen fokussiert die Veränderung hochschulinterner Ressourcen. Darunter werden zum einen ein verlässliches W-LAN und eine einheitliche Ausstattung mit digitalen Lernelementen und Endgeräten gefasst, die Lehrenden und Studierenden zur Verfügung stehen werden. Zum anderen erwarten diese Lehrenden durch die Zunahme des Einsatzes der dLLS eine strukturelle Erweiterung der didaktischen und technischen Unterstützung seitens der Hochschule, z.B. durch ein professionelles Didaktikzentrum, durch Vorlagen oder Musterbeispiele für Dozierende, die den Einsatz von dLLs erleichtern sowie ausreichende zeitliche und technische Ressourcen für die Vor- und Nachbereitung der Lehrveranstaltungen. An diese Zukunftsvisionen knüpfen jene Lehrenden an, die durch den zunehmenden Einsatz von dLLs auch eine konkrete methodische und didaktische Verbesserung der Lehre erwarten. In der digitalen Erweiterung der methodischen Möglichkeiten, zeichnet sich die Erwartung ab, dass der Einsatz von dLLs einer partizipativen Gestaltung der Lehre Vorschub leisten wird und zur unkomplizierteren Gestaltung von Lernumgebungen sowie der individuelleren Unterstützung des selbstständigen Lernens der Studierenden beitragen könnte. Konkret wird z.B. die selbstverantwortete Gestaltung von Wikis durch Studierende genannt, aber auch die erweiterten Möglichkeiten der Ergebniskontrolle des Gelernten oder die selbstständige Anpassung des Grades der Komplexität. Die Antworten der Lehrenden, die sich dieser zweiten Ebene zuordnen lassen, skizzieren eine Zukunft, die vor allem durch die systematische Relationierung analoger und digitaler Lehre (Blended Learning) gekennzeichnet sein wird. In den Antworten werden anschauliche Vorstellungen formuliert, z.B. die Vor- oder Nachbereitung von Veranstaltung per dLLs, ein breiter Einsatz von Aufzeichnungen (Webinar) und eine Begleitung und Ausdifferenzierung der Lehrinhalte in Präsenzveranstaltungen. Ebenfalls vorstellbar ist der Einsatz digitaler Formate für Prüfungen. Dies könnte auch beinhalten, dass sich die Rolle der Lehrenden künftig wandelt, hin zu eher moderierenden, coachenden Anteilen der Lehrtätigkeit. Zur partizipativen Gestaltung zählen jene Lehrende auch den erhofften Abbau von Zugangs-Barrieren, z.B. durch körperliche oder psychische Beeinträchtigung von Studierenden, als ein Beitrag zur Herstellung von mehr Bildungsgerechtigkeit. Schließlich wird auf einer dritten, hochschulpolitischen Ebene die internationale Dimension der Digitalisierung herausgestellt. Hierin erwarten die Lehrenden künftig eine engere Vernetzung sowie einen Erfahrungsaustausch mit Hochschulen außerhalb der Bundesrepublik. Neben den Möglichkeiten der Kooperation erwarten die Lehrenden jedoch auch eine Zunahme der Konkurrenz um die Studierenden, im Kernstudium wie auch im Bereich der beruflichen Weiterbildung. In Zukunft könnte der systematische, an den Studierenden orientierte Einsatz von dLLs in der Lehre der Hochschule einen Standortvorteil darstellen.

 

Auch die Aussagen der Studierenden lassen sich in die drei Dimensionen Veränderung hochschulinterner Ressourcen, Verbesserung der Lehre und Hochschulpolitik unterscheiden. Konkret weisen viele Studierende auf die notwendige digitale Infrastruktur hin, welche für eine digitale Hochschulbildung notwendig sei. Dazu zählen für sie ebenfalls eine flächendeckende und funktionierende kabellose Internetverbindung, angemessene Software, aber auch eine breitere Ausstattung mit mobilen Endgeräten für alle Studierenden. Dazu gehöre ebenfalls ein ausgebauter technischer Support. Für eine weitere Digitalisierung der Hochschulbildung in der Zukunft sehen die Studierenden jedoch weitere notwendige Veränderungen, als die Verbesserung der technischen Infrastruktur. Zum einen wünschen sich viele Studierende mehr Informationen und eine bessere Übersicht über das breite Angebot an dLLs, die ihnen im Studium vermittelt werden sollten. Darüber hinaus sehen sie ebenfalls einen Fortbildungsbedarf sowie auch einen Bedarf an mehr Bereitschaft zum Einsatz bei Lehrenden. Zudem seien Sicherheits- bzw. Datenschutzaspekte und allgemein ein professioneller und reflektierter Umgang in Bezug auf Digitalisierungsprozesse notwendig. Gleichzeitig plädieren Studierende für einen einfacheren (kostenlosen und unkomplizierten) Zugang zu Tools, Medien und Inhalten für alle. Allerdings betonen einige Studierende, dass es dabei bei einer freiwilligen Nutzung bleiben müsse. In Bezug auf die Verbesserung der Lehre werden Erwartungen an die (Online-)Verfügbarkeit von Inhalten, wie z.B. Skripte, Aufzeichnungen von Vorlesungen; die Kommunikation mit den Dozierenden, wie z.B. Chat-Funktion, Live-Feedback und der zeit- und ortsunabhängige Zugang zu den Inhalten, wie z.B. Ermöglichung selbstständigen und -bestimmten Lernens oder die Reduzierung der Präsenzzeit aufgrund weiter Anfahrtswege genannt. Die Studierenden äußern hier ebenfalls ganz konkrete Wünsche nach einer digitalisierten Umsetzung, was bspw. eine bessere Homepage der HE, digitalisierte Literatur, digitale Prüfungsverfahren und Online-Vorlesungen betrifft. Auf der hochschulpolitischen Dimension passe sich die Hochschule außerdem an den höheren Standard anderer Hochschulen an, wodurch sich die Attraktivität des Studierens steigere und so auch eine stärkere Kooperation zwischen Hochschulen ermöglicht werde. Durch papierloses Studieren wird außerdem eine Verbesserung des ökologischen Ressourcenverbrauchs erwartet.

 

Was folgt aus diesen Ergebnissen? Wie erwähnt ist diese Systematisierung der Antworten als vorläufiger Zwischenstand zu verstehen. Dennoch werden unterschiedliche Werthaltungen zum Thema Digitalisierung der Hochschulbildung deutlich, die nun mit einer feinanalytischen Rekonstruktion nach der Dokumentarischen Methode vertieft werden können. Über die wichtigen Forderungen an Infrastruktur und technische Machbarkeit sowie personelle und räumliche Ressourcen als notwendige Rahmenbedingungen für die Digitalisierung der Hochschulbildung hinaus, deuten sich  Dimensionen eines Bildungsbegriffs heraus, der die Veränderung der Selbst- und Weltverhältnisse (vgl. Marotzki & Jörissen 2008) (z.B. Einzelfallorientierung, ökologischer Kontext) sowie Fragen der Bildungsgerechtigkeit und Heterogenitätsorientierung (vgl. Stojanov 2013; Wild 2014) (z.B. Möglichkeiten und Barrieren) berührt und die zunehmende Bedeutung direkter (im Sinne von Ko-Präsenz, vgl. Houben 2017 in Bezug auf Goffman) Interaktionen aufleuchten lässt. Außerdem wurde aus den weiteren Befragungsergebnissen die Interessenslage der Lehrenden und Studierenden an der Hochschule heraus gelesen, so dass sich die im Rahmen von DISTELL durchgeführten Qualifizierungsmaßnahmen darauf ausrichten konnten.

 

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Literatur:

Bohnsack, R. (2013) Dokumentarische Methode und die Logik der Praxis. In: Lenger, A.; Schneickert, C.; Schumacher, F. (Hg.): Pierre Bourdieus Konzeption des Habitus. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, S. 175-200.

Houben, D. (2017): Von Ko-Präsenz zu Ko-Referenz. Das Erbe Erving Goffmans im digitalen Zeitalter. https://www.researchgate.net/publication/317385324_Von_Ko-Prasenz_zu_Ko-Referenz_-_Das_Erbe_Erving_Goffmans_im_Zeitalter_digitalisierter_Interaktion

Marotzki, W.; Jörissen, B. (2008): Medienbildung. In: Sander, U.; von Gross, F.; Hugger, K. (Hg.): Handbuch Medienpädagogik. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, S. 100-109.

Stojanov, K. (2013): Bildungsgerechtigkeit als Anerkennungsgerechtigkeit. In: Dietrich, F.; Heinricht, M; Thieme, N (Hg.): Bildungsgerechtigkeit jenseits von Chancengleichheit. Theoretische und empirische Ergänzungen und Alternativen zu ‚PISA‘. Wiesbaden: Springer Fachmedien Wiesbaden, S. 57-69.

Wild, E. (2014): Eine heterogenitätsorientierte Lehr-/Lernkultur für eine Hochschule der Zukunft. Fachgutachten im Auftrag des Projekts nexus der Hochschulrektorenkonferenz. https://www.hrk-nexus.de/fileadmin/redaktion/hrk-nexus/07-Downloads/07-02-Publikationen/Fachgutachten_Heterogenitaet.pdf